Caring Communities fördern
Prof. Dr. Carlo Knöpfel, Professor für Sozialpolitik und Soziale Arbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Einer seiner Themenschwerpunkte ist das Alter.
Immer mehr Menschen werden immer älter. Die Zahl der Hochbetagten wird besonders in den Städten in den nächsten Jahren deutlich zunehmen. Damit wird auch der Bedarf an Hilfe und Betreuung ansteigen. Bis heute sind es vor allem die Angehörigen, die ältere Menschen bei der Alltagsbewältigung und der Teilhabe am gesellschaftlichen Geschehen unterstützen. Doch die Familien werden das nicht mehr lange allein machen können. Familien werden kleiner, man lebt nicht mehr am gleichen Ort, auch die Frauen sind stärker ins Erwerbsleben eingebunden. Zudem ist die emotionale Distanz zwischen den Generationen grösser geworden. Was tun?
«Die Schweiz kennt bis heute kein Anrecht auf Betreuung im Alter für alle.»
Die Schweiz kennt bis heute kein Anrecht auf Betreuung im Alter für alle. Viele setzen darum auf das wachsende Angebot an privaten und öffentlichen Betreuungsleistungen. Tatsächlich hat sich längst ein Markt für die ganze Palette an Unterstützungsleistungen etabliert, doch diese muss man sich erstmal leisten können. Vielen Rentnerhaushalten ist diese Option verwehrt. Andere fordern darum eine sozialstaatliche Lösung. Analog zur Pflege soll auch die Betreuung für alle garantiert werden. Doch das wird teuer und es fehlt das ausgebildete Fachpersonal. Darum bietet sich gerade für die Städte ein dritter Weg an, der vielerlei Namen hat: integrierte Versorgung, «caring community» oder Betreuungsmix.
Gemeint ist ein Miteinander von familiärer, informeller und formeller Betreuung. Die Angehörigen werden in ihrem Engagement unterstützt und entlastet; Nachbarn, Freundinnen und Freiwillige in die Betreuung älterer Menschen einbezogen sowie professionelle Unterstützung eingefordert, wo es diese braucht. Ohne eine neue Ausrichtung der Spitex-Organisationen, die ihre Kompetenzen in der psycho-sozialen und agogischen Arbeit verstärken müssen, wird dies kaum gelingen. Solche Settings müssen sich dann geschmeidig dem Betreuungsbedarf der älteren Menschen im Fragilisierungsprozess anpassen.
So können in Quartieren oder Überbauungen sorgende Gemeinschaften entstehen. Dazu braucht es aber ein städtisches, sozialstaatliches Engagement. «Caring communities» fallen nicht vom Himmel. Sie müssen mit professionellen Strukturen gefördert werden.
«Caring communities» fallen nicht vom Himmel.»
Welche Organisation in einer Stadt oder in einem Quartier diese Aufgabe übernimmt, muss von Fall zu Fall entschieden werden. Immer braucht es aber entsprechendes Wissen aus der Gemeinwesenarbeit, damit solche Unterstützungsstrukturen aufgebaut und weiterentwickelt werden können. Das ist für eine Stadt gut investiertes Geld. Jeder (zu) frühe Übertritt in ein Pflegeheim kommt teurer.
